Edgar Hagen Filmemacher
Filmische Erkundung im Herzen des Sturms
Der Film als gesellschaftspolitisches Forum ist die zentrale Herausforderung des Schweizer Dokumentarfilmers, Autors und Produzenten Edgar Hagen: «Der Film ist im besten Fall Teil eines gesellschaftlichen Prozesses. Meine Filme sind dann geglückt, wenn sie kontrovers sind und die Kraft haben, Entwicklungen in Gang zu setzen. Dafür bin ich bereit, weit zu gehen und diese Auseinandersetzungen zu führen».
Hagen ist bekannt für seine filmischen Auseinandersetzungen mit profunden philosophischen, psychologischen und gesellschaftspolitischen Themen. An den Bruchstellen zwischen Individuum und Gesellschaft entwickelt er seine filmischen Reisen ins Herz der menschlichen Seele. So versucht er in seinem neuesten Film The Roots of Madness (2026) zusammen mit dem legendären TV-Reporter Ulrich Tilgner auf einer Reise durch Afghanistan, den Irak, Syrien und den Niger die Ursachen von Flucht und Vertreibung durch westliche Politik zu verstehen, und fragt, wie die heutige Flüchtlingskrise den zunehmenden Extremismus angeheizt haben.
Eine weitere weltumspannende Suche ist sein international beachteter Film Die Reise zum sichersten Ort der Erde (2013) – es ist die vergebliche und zugleich absurde Suche nach Endlagern für den todbringenden Atommüll. Hagens Reise führt ihn von der Schweiz nach Großbritannien, Deutschland, Schweden, China, Japan, in die USA und nach Australien. Aus einer wichtigen gesellschaftspolitischen Frage entwickelt er ein Roadmovie über gesellschaftliche Abgründe: er trifft Geologen und Atomlobbyisten, Umweltaktivisten und Stammesführer, Nomadenfamilien und Lokalpolitiker und hinterfragt in seinen Begegnungen, wie wissenschaftliche Objektivität und demokratische Prozesse durch Sachzwänge und Rechtfertigungsstrategien der Atomlobby unter Druck geraten. Auf der Suche nach Antworten durchquert der Film tiefe Schichten kollektiver Verdrängung und Regionen, die «Tabuzonen» sind.
Bereits in Someone Beside You (2007) nimmt Hagen das Publikum auf eine unkonventionelle filmische Reise und sucht nach neuen Wegen in der Psychiatrie – abseits der Schulmedizin. Zusammen mit einigen Psychiatern und deren Klienten bricht er zu einem dokumentarischen Roadmovie durch die Schweiz, Europa und die USA auf. In Wohnmobilen durchreisen sie die Abgründe der Psyche und gehen existenziellen Frage nach: Was ist der menschliche Geist? Wie verhält er sich in psychotischen Extremsituationen? Wo verläuft die Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn. Sind Psychosen heilbar?
Auch sein letzter Film Wer sind wir? (2019) wurde mehrfach ausgezeichnet und beschäftigt sich mit der Frage, wie Inklusion und Kommunikation mit Menschen mit schweren Beeinträchtigungen funktionieren kann? Was können wir von ihnen lernen? Wer sind wir?
Hagens Anspruch die gesellschaftlichen Umbrüche zu verstehen, wird auch in seinem Dokumentarfilm Zeit der Titanen (2001) sichtbar. In dem Dokumentarfim über den Bau der Staumauer Grande Dixence zeigt er, wie tausende von Arbeitern unter schwierigsten Bedingungen an den Hängen im Hochgebirge lebten, um die damals höchste Staumauer der Welt zu bauen. Der Film durchlebt mit ihnen, wie sie in der Urlandschaft aus Fels und Eis Lebenskrisen bewältigten, der Armut entflohen, Freundschaften fanden, aber auch Einsamkeit, Krankheit und Tod.
Bereits in seinem ersten Kinofilm Markus Jura Suisse – Der verlorene Sohn (1996) zeichnet Hagen im Portrait eines radikalen Aussteigers den Ausnahmezustand. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten ist der Protagonist seit 20 Jahren auf Wanderschaft durch die Schweiz und verweigert sich den an ihn gestellten gesellschaftlichen Anforderungen. Auf seiner Reise durch die Schweiz und Frankreich hinterlässt er mit Filzstift seine persönliche Signatur und stellt sich im Dialog mit dem Filmemacher den Grundfragen nach den wahren Werten des Lebens.